Wenn ich endlich erleuchtet bin…

27.01.20240

Kennst Du diesen Traum von tiefem innerem Frieden? Wenn endlich alle Kindheitstraumata aufgearbeitet sind, endlich alle gescheiterten Beziehungen verarbeitet sind und das gebrochene Herz geheilt ist? Wenn es nichts mehr gibt, das triggert und das Leben einfach und entspannt laufen kann?
Ich habe lange gedacht, dass ich diesen Punkt irgendwann erreichen würde. 

Wenn ich nur genug an mir arbeiten, genug heilen und genug wachsen würde, dann würde ich irgendwann in diesem Zustand durchgehender Zufriedenheit ankommen. Dann würde mich meine Mutter nie wieder aufregen und ich würde voller Selbstliebe und Zufriedenheit durch meine Woche gehen. In der Früh gäbe es keinen Kaffee, sondern einen grünen Smoothie und ich würde nach einer Runde Yoga produktiv in jeden Tag starten.
Mit genügend Selbstliebe hätte ich dann auch eine Beziehung, die einfach großartig läuft, in der es keine Konflikte gibt, in der wir uns gegenseitig stärken und in der wir immer verliebt bleiben.
Ja, so habe ich mir das damals vorgestellt. Alles wird gut, wenn ich endlich erleuchtet bin…

Bild einer Frau, die zum Sonnenaufgang meditiert

Nur funktioniert das Leben so nicht.

Es gibt keinen Punkt der Erleuchtung, ab dem es plötzlich keine Probleme mehr gibt. Manche Zeiten sind hart – und das ist normal. Das gehört zum lebendig sein dazu. Egal, wie weit wir in der persönlichen Entwicklung sind, es kommen immer wieder Momente, die nicht leicht sind und für die man viel Kraft und Herz braucht.
Wenn ein Elternteil stirbt. Wenn ein Krieg ausbricht. Wenn der Partner eine schwere Phase durchmacht. Wenn die Kinder ständig krank sind und man sich innerhalb der Familie immer wieder gegenseitig ansteckt. Wenn man einen Unfall hatte oder eine schwere Diagnose bekommt. Und auch, wenn eigene Themen getriggert werden, die man eben doch noch nicht aufgearbeitet hat.

Es ist normal, nicht immer glücklich zu sein.

Es ist normal, auch mal völlig ausgelaugt und emotional am Ende zu sein. Das ist Teil des Mensch-Seins.
Und es hilft absolut gar nicht, sich dann vorzuwerfen, dass man es immer noch nicht geschafft hat. Das man vielleicht schon so lange versucht, zu einem „besseren Menschen“ zu werden und trotzdem immer noch ein Mensch wie jeder andere ist. Es hilft nichts, sich dann selbst auf die Wartebank zu schicken und sich zu denken: „Ich kann erst eine Beziehung haben, wenn ich „fertig“ bin und alles aufgearbeitet habe“. Der Druck, glücklich sein zu müssen, hat noch niemanden glücklich gemacht.

Bild einer Frau, die in den Bergen Yoga macht

Manchmal denke ich mir, dass erleuchtete buddhistische Mönche es sich da einfach machen.
Klar, in der Abgeschiedenheit eines Klosters ist es leicht, inneren Frieden zu finden. Wenn man sich vor dem Leben zurückzieht und so viele Trigger wie möglich aus dem Alltag entfernt, gibt es auch nicht mehr viel, was einen aus dem erleuchteten Existieren herausreißen kann. Wir anderen, die aktiv am Leben teilnehmen mit all seinen schönen und hässlichen Seiten, dürfen uns von diesem Zustand der inneren Ruhe und Erleuchtung inspirieren lassen. Wir können uns manche Techniken und Strategien abschauen, wie Meditation oder die Arbeit mit dem eigenen Atem. Aber es bringt nichts, wenn wir von uns erwarten, diesen Zustand selbst zu erreichen. 

 

Wir müssen nicht Buddha werden – und wir können es auch gar nicht.

Weil wir ständig mit dem Leben konfrontiert werden. Weil uns Menschen nah sind, die ihre Themen und Probleme haben (und das gilt für jeden Menschen, uns selbst inklusive). Weil wir in einer Zivilisation leben, die auch ungesunde Gesellschaftsstrukturen hat. Und weil unser Leben nicht in ständiger Balance verläuft, sondern auch mal in Extremen.
Anders als die buddhistischen Mönche im Bergkloster haben wir eben alles Mögliche:
Bild von Frauen auf einer Party
Den Genuss eines unglaublich leckeren fünf Sterne Essens und das Gefühl von körperlichem und emotionalem Verhungern. Unglaubliche Orgasmen, die uns das Gehirn wegpusten und den Schmerz von Zurückweisung und unerwiderter Liebe. Den Trost einer mütterlichen Umarmung und die Härte mütterlicher Kritik. Jeden Tag Konzerte und Parties und die Einsamkeit in der Großstadt. Die unbändige Freude, verliebt zu sein und die Aussichtslosigkeit, auf Dating-Apps den oder die Richtige zu finden. Eine Nacht voller leckerer Drinks und Gelächter und den Kater am nächsten Morgen. Schreckliche Bilder in den Nachrichten und wunderschöne Gemälde im Museum. Unser Leben ist voll von Dingen, die uns nah gehen, uns berühren und uns aufwühlen. Ständiger innerer Frieden, ständiges zufriedenes Glück funktionieren in einem aktiv gelebten Leben nicht.
Und das müssen sie auch gar nicht. 

Stattdessen wird es Zeit, dass wir uns den Druck nehmen, immer glücklich sein zu müssen.
Dass wir uns auch mal erlauben, unperfekt zu sein und eben nicht mehr zu können. Dass wir es uns nicht übel nehmen, wenn wir die Menschen, die uns nahe stehen, doch mal wieder angebrüllt haben. Manchmal darf es auch nur darum gehen, durch den Tag zu kommen. Und dabei so lieb wie möglich zu sich selbst zu sein.

Wir brauchen wir etwas völlig anderes als Erleuchtung und ständiges Glück.

Wir brauchen Resilienz und manchmal einfach nur Durchhaltevermögen. Wir brauchen Strategien, um Konflikte zu lösen und zu entschärfen. Wir brauchen die Fähigkeit, unsere Gefühle zu verarbeiten, Stress abzubauen und unser Nervensystem zu regulieren. Wir brauchen Zuversicht und Hoffnung, selbst, wenn alles schlimm aussieht. Die Stärke, über Kleinigkeiten zu lachen, auch wenn gerade alles zum heulen ist. Statt uns Glücksdruck zu machen, dürfen wir üben, in jedem Moment etwas Schönes zu sehen, auch, wenn wir gleichzeitig gerade kein Glück empfinden. Wir können lernen, überall etwas zum Lachen zu finden. Uns selbst etwas Gutes zu tun, wenn es uns schlecht geht. In schweren Zeiten offen zu bleiben für die Besonderheiten des Lebens.
Lass uns trainieren, unseren Fokus auf die Dinge zu richten, die uns Energie geben, wenn wir sie brauchen, anstatt uns noch mehr Druck und Stress zu machen und uns zu verurteilen, wenn es uns nicht gut geht.

Denn diese angebliche Erleuchtung, dieser Zustand von Glück und Zufriedenheit, kommt und geht.
Was bleibt sind wir selbst und die Art, wie wir mit dem Leben umgehen. Die Entscheidungen, die wir treffen und unsere Haltung, mit der wir schwierigen Zeiten gegenüberstehen. Unsere Fähigkeit, uns selbst und anderen mit Liebe und Herzlichkeit zu begegnen, sogar, wenn alles sich völlig verkehrt anfühlt. 

Seit ich nicht mehr von mir erwarte, irgendwann dauerglücklich zu sein, macht mir das Leben viel mehr Spaß. Ich bin freier und darf auch mal einfach keinen Bock haben, jetzt irgendwas aufzuarbeiten. Es muss nicht mehr immer alles geklärt werden, ich kann Konflikte auch mal stehen lassen und trotzdem eine gute Zeit mit demjenigen haben. 

Die Fähigkeit, uns selbst und andere in unserer ganzen Unperfektion zu lieben, ist die wahre Erleuchtung.

Offen zu bleiben, statt dicht zu machen, wenn ein geliebter Mensch uns angreift. Zu verstehen, dass Angriffe aus Schmerz passieren. Uns in Konflikten auch auf die Position des anderen zu stellen. Immer wieder auf die schönen Dinge zu achten und dem Leben so die Chance zu geben, uns positiv zu überraschen. Und damit okay zu sein, wenn wir mal nicht okay sind.

Diese Erleuchtung kommt nicht durch die Abwesenheit von Problemen und Triggern, sondern durchs aktive Üben, mit Schwierigkeiten umzugehen. Dafür müssen wir nicht erst irgendetwas aufarbeiten und heilen, sie kommt unmittelbar durch unsere eigene Haltung. 

Frauen, die gemeinsam lachen und sich freuen

Diese Erleuchtung ist eine Entscheidung, die wir jeden Tag aufs Neue treffen können. 

Und das macht sie so wertvoll.

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